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Roger Monnerat im Gespräch

Roger Monnerat im Gespräch

Roger Monnerats «Der Sänger»: Ein Tribut an das Leben und an einige Tote. Oder: Auch ein Vogel, der nur «tschip» macht, singt vielleicht ein Lied.

R.B. Roger Monnerat, warum soll ein junger Mensch dein Buch lesen?
R.M. Früher versuchte man, jungen Menschen das Lesen zu verbieten, ich glaube nicht, dass man sie heute dazu überreden muss. Junge Menschen haben einen Hunger nach Büchern, nach Leben. Unter anderem handelt der «Sänger» von diesem Hunger in einer durch die Schule und die soziale Ödnis ausgedünnten Welt.
R.B. Und warum ein älterer Mensch?
R.M. Weil diese immer noch voller Lebenshunger sind und gleichzeitig den Lebensüberdruss kennen, der sie wie ein fernes Echo an die jugendlichen Verzweiflungen erinnert.
R.B. Rock?n?Roll, Revolte, Drogen und Liebe ? lauter alte Bekannte. «Der Sänger» spielt in einer Zeit, die vielen ein Spiegel, anderen, den jüngeren vor
allem, eher ein diffuses Gerücht ist.
R.M. Kennst du «I am your Fan», ein Tribute-Album an Leonard Cohen aus dem Jahr 1991, auf dem John Cale mit einer ergreifenden Nebelhornstimme dessen «Hallelujah» singt, Nick Cave und die Bad Seeds ein fast deutsch theatralisch inszeniertes «Tower of Song». Als Autor kann man letztendlich nichts anderes tun, als das Leben zu singen ? auch verfluchend oder analysierend, tut man nichts anderes. «Der Sänger» singt das Leben im Sinne von Bob Dylans «It?s life and life only», Cohens «The holy or the broken Hallelujah» und Lou Reeds «I guess that I just don?t know». Da ich weder Gläubiger noch Weiser bin, singe ich das «broken» und nicht das «holy Hallelujah».
R.B. Eine Kulturgeschichte der Musik?
R.M. Nein. Keine Kulturgeschichte, nur: der Sänger und sein Lied. Im «Sänger» spielen Lieder eine Rolle, weil die eigentlichen Poeten unserer Zeit die Rockpoeten waren und sind. E- und U-Musik ist heute unterschiedslos Teil der Musikberieselung. «Der Sänger» findet existenzielle Inhalte zunächst in den Liedern von Brecht/Weill, schliesslich bei den drei Dichtern und Sängern aus dem Norden Amerikas, die ich schon genannt habe ? weitere wären Patti Smith, Joni Mitchell und einige andere.
R.B. Du erwähnst explizit den Norden Amerikas?
R.M. Der Grund dafür ist eine gewisse Analogie: Wie Jack Kerouac katholisch aufzuwachsen oder wie Dylan, Cohen und Reed aus jüdischen Familien in Amerika bzw. Kanada zu kommen, ist zumindest ein Stück weit vergleichbar mit der Situation, im deutschsprachig-protestantischen Raum katholischer Herkunft zu sein. Trotz meiner explizit a-gläubigen Haltung nehme ich die Rockkultur als eine der katholischen Kultur verwandte wahr. Es ist eine der Bilder, des Materials, des konkret Materiellen. Die protestantische Kultur, in ihrer bilderfeindlichen Haltung, ist eine, in der «das Wort als Gesetz» über die Bilder gestellt ist. Meine Autorität, die Autorität der Rockkultur, ist das «Material». Darin ist mein Roman Rock?n?Roll.
R.B. Mit dem Material meinst du den «Körper», letztendlich die «Liebe»?
R.M. Materieller Ausgangspunkt des Menschen ist sein Körper. Handelsgegenstand in der Sklaverei, Arbeitsinstrument im industriellen Zeitalter. John Lennons «working class hero» definiert sich schon an der Bruchstelle, an der der Körper ? der männliche Körper ? noch Arbeitsmittel, zugleich aber schon Instrument der Lust, der sexuellen Abenteuer und auch der Liebe ist. In der Postmoderne wird der Körper als Arbeitsmittel obsolet. Die «Liebe» ist sein letztes Refugium. Seltsamer- oder bezeichnenderweise spricht man heute von Liebes- bzw. Beziehungsarbeit, aber an die Stelle der Arbeit ist etwas anderes getreten, nämlich der Körper «an sich», als Gegenstand narzistischer Selbstvergewisserung. So zumindest lese ich Piercing, Tattoo, Branding und andere Selbstinszenierungen. Da drängt ein ästhetisiertes Empfinden an die Oberfläche, das von einer Sehnsucht nach Materialität genährt ist.
R.B. Dazu würde auch passen, dass Fabriken als Lebensraum benutzt werden?
R.M. Vielleicht. Dieser Drang, in Lofts zu wohnen oder in früheren Werkstätten am Bildschirm immaterielle Arbeit zu verrichten, hat vielleicht mit der Sehnsucht nach eben diesem Körperlichen, Materiellen zu tun, das einmal mit der Arbeit verbunden war. Als Paradox tritt uns diese Sehnsucht entgegen, wenn der Körper im Fitnessraum gestählt und fortwährend mit grosser Sorgfalt gesund ernährt wird, dann aber täglich acht bis vierzehn Stunden auf einem Bürosessel zu verkümmern hat.
R.B. Zurück zum «Sänger». Zur Zeit findet in Zürich die Ausstellung «Höllenreise durch mich selbst» über Hermann Hesse statt. Dein Roman ist nun eindeutig ein Entwicklungs- und Initiationsroman, wie er in seiner Intensität stark an «Demian» und noch mehr an den «Steppenwolf» erinnert. Was, wenn der «Sänger» zum Kultbuch für die jungen wilden Leserinnen und Leser von heute und morgen wird?
R.M. «Liebe muss die Kraft haben, in sich selbst zur Gewissheit zu kommen, dann wird sie nicht mehr gezogen, sondern zieht», wird Henry Miller im «Sänger» einmal zitiert. Wenn ich mich nicht täusche, zitiert Miller dabei seinerseits Hesse.
R.B. Du weichst aus.
R.M. Ich kenne und liebe den «Steppenwolf». Ich habe Hesse lieber, wenn er jemanden das Gewehr nehmen und von einem Hochsitz aus auf Autos schiessen lässt, als wenn er sich zum Lehrer der Menschheit aufschwingt. Junge Wilde rebellieren gegen, suchen aber oft auch Autorität. Ich war ein Antiautoritärer und bin es heute noch.
R.B. Marek, Mâlek, Manek heissen im «Sänger» die drei Romanfiguren, die dein Leben schildern. Der Vater ist Arbeiter, die Mutter Serviererin und Hausfrau, Leute von «unten». Eine klassische Biographie von jungen Menschen in den 60er Jahren und vergleichbar der heutigen Situation von jungen Menschen. Den «Secondos» zum Beispiel.
R.M. Wenn du «von unten» kommst, können dir deine Eltern nur etwas über das «Unten» mitgeben, nichts aber, was mit dem «Oben» zu tun hat. Bereits mit 12 oder 13 habe ich die Empfindung gehabt, einmal in eine Welt entlassen zu werden, von der ich nicht weiss, wo sich die wirklichen Dinge abspielen, was diese wirklichen Dinge sind, und ob und wie man dabei mitspielen kann. Da öffneten die berühmten 68er einzig den Türspalt ein wenig weiter. Das war alles. Das ist die Situation, in der sich auch meine Romanhelden wiederfinden ...
R.B. ... Rock?n?Roll, Sex, Revolte ...
R.M. ... in der Rockmusik kommen die gesellschaftlichen Brüche zum Ausdruck und werden für die Jungen
erkennbar. Rockmusik belehnt den Blues ? also die Kultur der schwarzen Landarbeiter, die schon am Verschwinden war, als der Blues zu einem Teil der Massenkultur wurde, um der verschwindenden Kultur der weissen «work-ing class» Tribut zu zollen und sich gleichzeitig von dieser Kultur abzulösen. In Grossbritannien gibt es innerhalb der neuen Rockmusik zusätzlich

Dies und Das

Buchmesse Leipzig

Wir sind mit unseren Büchern in Leipzig an der Buchmesse am SWIPS-Stand zu finden. Eingeladen sind von unseren Autoren und Autorinnen Urs Zürcher, Christoph Simon und Anne Cuneo. Nicht offiziell eingeladen, aber auf der Leseinsel der Independents zu Gast: Roger Monnerat. Rechtzeitig zur Messe erscheint Urs Zürcher grandioser Debütroman Der Innerschweizer.

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Aus «Lanze Langbub» von Roger Monnerat.

«Von unten her kam die Nacht und fragte gereizt: «Warum rufst du mich?» Die Nacht und der Schlaf stritten sich von alters her, wer wen erfunden hatte.

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Roger Monnerat
Fotografie: Ayse Yavas

Roger Monnerat

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